Winfried Kallinger - Degasperi und Architektur 1


Von den Honoraren seiner Tätigkeit blieb nicht viel übrig: Die Leprosen auf den Philippinen bräuchten die Mittel zum Überleben dringender, sagte er nicht nur, sondern handelte auch danach, aufopfernd und ohne Rücksicht auf seine und seiner Familie finanzielle Absicherung. Die Begeisterung, die er in seinen Berichten über die langsamen Fortschritte seiner Patenkinder ausstrahlte, war überwältigend und rückte die Bedeutung mancher großer offizieller Worte gehörig zurecht.

Überhaupt war es nicht zuletzt das Wort, mit dessen Gewalt Degasperi in seinen Gedichten und Reden unerbittlich und nicht selten geradezu gnadenlos Wahrheit verkündete, um Versöhnung und Frieden zwischen den Menschen und ihren Religionen zu fordern, wodurch die Aussage seiner Bilder erst vollständig wurde. Die feinen, buchstäblich ziselierten Linien, aus deren zartem Gewebe Ernst Degasperi seine Kompositionen formte, könnten einen über die Dramatik der manchmal schonungslosen Inhalte seiner Bilder fast hinwegtäuschen, wer ihn aber jemals gehört oder seine Gedichte gelesen hat, wird die Spannung der bildnerischen Aussagen umso stärker empfinden.

Ich hatte in den Jahren unserer Freundschaft das Glück, nicht nur Bilder erwerben, sondern auch die Entstehung einiger seiner Werke unmittelbar miterleben zu können und seine Vision von einer Welt des Friedens und der Wahrheit in Wort und Bild wenigstens ansatzweise verstehen zu lernen. Diese Erfahrung begleitet mich auf eine ganz eigene Weise, wie ich sie nur bei Ernst Degasperi empfunden habe und ich bin sicher, dass seine Botschaft heute mehr denn je Gültigkeit hat.